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Philosophie und nützliches Wissen

Was würde Zeus tun? Lehren für die Arbeitswelt aus der klassischen Antike

Wie lässt sich die Weisheit der alten Römer und Griechen auf die heutige Arbeitswelt übertragen? Der Philosoph Brennan Jacoby betrachtet die vier Kardinaltugenden, die eine gute Zusammenarbeit fördern, und die Laster, die ihr im Weg stehen.

Turmbau zu Babel

Es war einmal vor langer Zeit ein Volk, das den höchsten Turm bauen wollte, den die Menschheit je gesehen hatte. Alle brachten ihre Kenntnisse und Fertigkeiten ein und so machten sie schnell Fortschritte – zumindest anfangs. Denn dann mischte sich ein Gott in ihre Arbeit ein und gab den verschiedenen Gruppen eigene Sprachen. Das erschwerte das Bauvorhaben zunehmend und machte es letztlich unmöglich, sodass es ohne weiteres Aufheben aufgegeben wurde.

Unsere heutige Arbeitswelt könnte man als moderne Version von Babel ansehen, die ständig mit neuen technischen Fortschritten, sozialen Medien und Kommunikationsmitteln konfrontiert wird. Häufig arbeiten wir über viele Jahre und mehrere Kontinente hinweg mit Dutzenden oder sogar Hunderten von Teammitgliedern zusammen an einem Projekt. Eigentlich wirkt der Turmbau zu Babel in Anbetracht der Herausforderungen, die Teamarbeit heute mit sich bringt, wie eine Aufgabe, die die Praktikanten aus der Vertriebsabteilung in der Mittagspause erledigen könnten.

Ohne Teamarbeit geht es nicht

Es hat durchaus etwas Ergreifendes, wenn die Welt, die unser aller Heimat ist, durch gemeinschaftliche Aktivitäten geformt wird. Doch dabei ist es wichtig, „kollaborative Tugenden“ auszumachen und zu fördern, also bestimmte psychische Eigenschaften, die für gutes Teamwork unerlässlich sind. Im Folgenden werden vier negative Charakterzüge beschrieben, die unsere gemeinschaftlichen Bemühungen behindern können, sowie Massnahmen, die Einzelne, Teams und Organisationen ergreifen können, um kollaborative Tugenden zu kultivieren.

Unsere heutige Arbeitswelt ist in gewisser Hinsicht eine moderne Version von Babel.

 

Von Faulheit zu Klarheit

Wer im Team erfolgreich sein will, muss einem natürlichen Hang zur Faulheit widerstehen. Dionysos, der griechische Gott des Weins und des Theaters, war ein Müssiggänger par excellence: Ihm waren Rausch und Tanz deutlich lieber als alles, was auch nur entfernt an Arbeit erinnerte. Bei der Teamarbeit äussert sich dieses Laster als die alltägliche Verlockung, sich nicht ausreichend auf Meetings vorzubereiten, den Kollegen nicht aufmerksam zuzuhören oder ein unausgegorenes Konzept einzureichen in der Hoffnung, dass sich schon ein Teammitglied oder Manager die Mühe machen wird, es fertigzustellen.

Faulheit lässt sich zum Teil auf fehlende Motivation zurückführen, doch der eigentliche Grund ist oft, dass wir nicht genau wissen, was genau von uns erwartet wird, oder dass wir so im Stress sind, dass wir keine Zeit finden, uns eingehende Gedanken zu einem Projekt zu machen. Dieser Mangel an Klarheit hält uns davon ab, Vorschläge zu machen oder in Bereiche vorzudringen, die wir für den Aufgabenbereich eines anderen halten.

Tipps für mehr Klarheit

Bei Teamarbeit sollten wir uns mehr wie Athene, die Göttin der Weisheit, verhalten: Dies bedeutet, einen kühlen Kopf bewahren und vernünftige Lösungen finden, während andere sich mit emotionalen Konflikten, Eifersüchteleien und Missgunst aufhalten. Für den Einzelnen bedeutet das, sich der eigenen Funktion – und der Funktionen der Anderen – klar zu werden. Diese Funktionen verändern sich natürlich mit der Zeit, doch anhand mehrerer vorab festgelegter Bestandsaufnahmen im Laufe des Projekts können Verantwortlichkeiten überprüft und bei Bedarf neu zugewiesen werden.

Unternehmen sollten sich Klarheit über ihre allgemeinen Ziele verschaffen. Römische Kaiser erkannten, dass selbst die Macht über Leben und Tod nur selten als Motivation ausreicht. Mark Aurel schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: „Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke: ”Ich erwache, um als Mensch zu wirken… Bin ich denn geboren, um im warmen Bette liegen zu bleiben?” Bedenken Sie, dass Sie sich als Mensch dadurch auszeichnen, dass Sie mit anderen zusammenarbeiten.

Von Beschwichtigung zu Auseinandersetzung

Die Annahme liegt nahe, dass für eine fruchtbare Zusammenarbeit unter Kollegen alle gut miteinander auskommen müssen, in Meetings Einigkeit und geteilte Einsichten vorherrschen sollten und Konflikte am besten vermieden werden. Wir assoziieren Teamwork häufig mit Harmonie. Dabei kurbeln Auseinandersetzungen in den meisten Fällen die Produktivität an. Unsere tiefsten, wichtigsten Überzeugungen gegen kluge Kritik verteidigen zu müssen, lehrt uns, wie wir unsere Ideen überzeugender vortragen, die Schwächen unserer Pläne erkennen und diesen Mängeln vorbeugen können.

Machen Sie es wie der griechische Philosoph Sokrates, der seinen Mitmenschen mit Fragen zu den verschiedensten Themen verstehen half, an welchen Punkten sie von falschen Annahmen ausgegangen oder zu falschen Schlüssen gelangt waren. So wollte er ihnen die Erkenntnis entlocken, die bereits in ihnen geschlummert hatte.

Wiederholen Sie nicht den Fehler der Athener Regierung, die Sokrates einen verderblichen Einfluss auf die Jugend vorwarf und ihn zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilte. Als Einzelperson, Team oder Unternehmen sollten wir unsere Einstellung zu Auseinandersetzungen überdenken und sie bewusst als Mittel zur Produktivitätssteigerung nutzen.

Mark Aurel pries die Tugend, Sinn in der eigenen Arbeit zu finden.

Tipps für konstruktive Auseinandersetzungen

Eignen Sie sich die Kunst der indirekten Frage an. Sie kann erheblich zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit beitragen und strittige Themen aufs Tapet bringen, ohne gleich jemanden vor den Kopf zu stossen. Fragen Sie nicht „haben Sie Ihr Umsatzziel erreicht?“, sondern lieber „wie steht’s mit dem Umsatz?“. In Sachen Direktheit müssen Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Ares, der griechische Kriegsgott, wurde für seine Entschlossenheit in heiklen oder unangenehmen Situationen verehrt. Der Legende nach soll er die Griechen vor der Versklavung bewahrt haben, indem er die Spartaner inspirierte, sich dem bedrohlichen persischen Heer in der Thermopylenschlacht entgegenzustellen. Chefs müssen ihre Mitarbeiter zu Einwänden und Widerrede ermutigen, aber auch lernen, wie man austeilt und einsteckt, ohne unfreundlich zu werden.

Von Schein zu Sein

Viele Unternehmen wollen ein Klima schaffen, in dem Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit geschätzt werden. Die Realität sieht oft jedoch ganz anders aus. Das „Hochstapler-Syndrom“ greift in vielen Organisationen um sich und paradoxerweise gilt: Je renommierter die Firma, umso eher haben die Mitarbeiter das Gefühl, dass es sich bei ihrer Einstellung um ein Versehen gehandelt haben muss.

Zum Ausgleich bauen wir eine Fassade auf. Wir machen uns hochkonzentriert Notizen, statt einen Vorschlag zu äussern, der als lächerlich naiv angesehen werden könnte. Wir nicken scheinbar aus völliger Überzeugung, ohne zu begreifen, was wir da gerade zustimmen. Oder wir flüchten uns in Fachchinesisch, um professionell zu wirken, und verstehen dabei selbst nur Bahnhof.

Der grösste Blender unter den antiken Helden war zweifellos Herakles, der eine Reihe unmöglicher Aufgaben unbedingt im Alleingang bewältigen wollte. Klüger, einfacher und schneller wäre es gewesen, sich von Anfang an mit Freunden zusammenzuschliessen und die Kräfte zu bündeln.

Das genaue Gegenteil war der Erzrealist und hervorragende Teamplayer Odysseus. Seine wichtigsten Waffen waren Feingefühl, Überzeugungskraft und Weisheit. Er half seiner Mannschaft, körperlich überlegene Gegner wie den Zyklopen allein mit einem Wortspiel zu überlisten. Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass wir nicht allein sind, alle Menschen im Grunde ähnlich ticken und die meisten unserer Kollegen oft genauso eingeschüchtert, ängstlich und unsicher sind wie wir selbst.

Tipps für mehr Demut

Lassen Sie Ambivalenz zu. Damit sind nicht gemischte Gefühle gemeint, sondern die Fähigkeit, widersprüchliche Ansichten zuzulassen und in Ruhe abzuwägen, ohne sich sofort für eine Seite entscheiden zu wollen.

Unternehmen sollten erwägen, in Kunst und Design zu investieren. Eine der Aufgaben, die Kunstwerke idealerweise erfüllen sollten, ist, uns Menschen näherzubringen, die uns einschüchtern. So können wir sehen, dass auch sie ganz gewöhnliche, verwirrende und frustrierende Erfahrungen machen. Auf diese Weise fühlen wir uns weniger als Aussenseiter. Kunst kann uns daran erinnern, dass es ganz normal ist, besorgt, unsicher und ängstlich zu sein, und uns gleichzeitig ermutigen, trotzdem am Geschehen teilzunehmen.

Manager sollten sich ein Beispiel an Zeus nehmen – einem geschickten Vermittler.

 

Von Selbstüberschätzung zu Wertschätzung

Wir halten übersteigertes Selbstbewusstsein vielleicht für ein Problem, das nur ein paar Narzissten betrifft. Dabei haben wir fast alle in bestimmten Bereichen unserer Arbeit Anflüge von Selbstüberschätzung, die für eine gute Zusammenarbeit hinderlich sein können.

Anzuerkennen, dass ein für die eigenen Ziele wichtiges Ergebnis in den Händen der Kollegen liegt, kann beängstigend sein. Doch gute Teamarbeiter sind in der Lage, diese Furcht vor der Abhängigkeit auszuhalten, und bringen den Menschen, auf die sie angewiesen sind, grosse Wertschätzung entgegen. Schliesslich sind wir, wenn wir mit anderen zusammenarbeiten, gemeinsam so viel stärker und klüger, als ein einzelner Mensch es jemals sein könnte.

Tipps für mehr Wertschätzung

Ersetzen Sie E-Mails durch ein aufrichtiges Gespräch, in dem Sie Ihre Absichten darlegen und zu einem Endergebnis kommen. So lassen sich Missverständnisse vermeiden und langfristig die Effizienz und Kreativität steigern.

Manager sollten sich ein Beispiel an Zeus nehmen. Er hat nicht nur mit Blitzen um sich geworfen, sondern war der perfekte Vorstandsvorsitzende – ein geschickter Vermittler, der Grenzen setzte, den anderen Göttern das Wort erteilte, Missstände ansprach und Lösungen fand, mit denen alle zufrieden waren. Machen Sie es wie beim Fussball, wo es ganz normal ist, dass Kommentatoren und Spieler Torvorlagen ihrer Teamkollegen lobend erwähnen. Um eine starke Organisation mit Teamgeist aufzubauen, muss man nicht in bessere Steine investieren, sondern Möglichkeiten finden, den Mörtel zwischen den Steinen zu stärken.

Abschliessende Gedanken

Zivilisation ist im Grunde nichts anderes als ein grosses Gemeinschaftsprojekt. Das griechische Wort für eine Privatperson, einen Menschen, der sich nur um seine eignen und nicht um öffentliche Belange kümmert, lautet idiotes. Es findet sich in vielen Sprachen als „Idiot“ wieder. Der technische Fortschritt mag erfolgreiche Zusammenarbeit erleichtern. Für optimales Teamwork ist es jedoch wichtig, dass wir uns auch auf althergebrachte Methoden besinnen und zum Beispiel persönliche Gespräche führen, statt E-Mails zu schreiben, oder uns bei der Arbeit Auszeiten nehmen, um Bilanz zu ziehen, nachzudenken und uns Klarheit zu verschaffen.

 

Brennan Jacoby lebt in London und ist Philosoph und Dozent bei The School of Life, einer weltweit tätigen Organisation, die sich der Förderung emotionaler Intelligenz verschrieben hat. Er war kürzlich an einem Forschungsprojekt von The School of Life in Partnerschaft mit dem Filehosting-Dienst Dropbox zum Thema Zusammenarbeit und klassische Antike beteiligt.

Posted by rruttkowski / Posted on 19 Mrz
  • Demut, Philosophie, Teamarbeit, Teamworking, Wertschätzung
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